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  • Fabienne Ricciardi

Gedanken zum Umgang mit unseren Hunden



Warum hat der Mensch Hunde? Wenn man dies Hundehalter fragt, kommen oft folgende Antworten:

So bewege ich mich regelmässig...

Zuhause wartet jemand auf mich...

Ich liebe Hunde...

Wenn man dann fragt was denn der Hund davon hat, stocken viele und müssen überlegen...

Er hat ein Zuhause...

Er bekommt gutes Essen...

Ich habe ihn aus dem Tierheim/Tierschutz gerettet...

Er wird geliebt...

Nun, das sind die groben Grundbedürfnisse eines Säugetiers. Der Hund ist der beste Freund eines Menschen, er ist treu, vertraut uns sein Leben an, ist jederzeit loyal, verzeiht uns unserer Fehler, jeglichen Egoismus und ist nie nachtragend. Freundschaft aber ist keine Einbahnstrasse. Was tun denn wir Menschen für diese Freundschaft, abgesehen davon, die oben erwähnten Grundbedürfnisse zu erfüllen?

Haben unsere Hunde es nicht auch verdient, als Persönlichkeit wahrgenommen, in ihren Eigenheiten geschätzt, für ihren Humor und ihre Herzlichkeit gehuldigt zu werden?

Während wir Menschen teilweise knapp ein Jahrhundert auf dieser Erde verbringen dürfen, ist es bei unseren Hunden gerade mal plus minus ein Jahrzehnt. Und wir allein haben entschieden, dass sie diese Jahre bei uns verbringen. Wir entscheiden wie diese Jahre gelebt werden. Wir entscheiden einfach alles, ob es für sie passt oder nicht. Wäre es dann nicht gerecht, dass wir sie mit all unserer Liebe überhäufen und uns eingestehen, dass sie eine Stimme haben dürfen, welcher wir mit Ehrfurcht zuhören.

In der Hund-Mensch Welt herrscht in meinen Augen ein Ungleichgewicht, dass schwer zu vergleichen ist. Hunde sind die besten Freunde, führen Blinde, schützen uns, bewachen unser Heim, helfen bei Verbrecherjagten, suchen und finden uns in Lawinen und Geröll, viele Hunde haben ihr Leben für uns gegeben...

Aber sollte jemals ein Hund auf die Idee kommen, unseren Befehl zu missachten, sich unerlaubt einen Leckerbissen zu nehmen oder gar auf das heilige Sofa zu springen, unterstellen wir ihm Ungehorsam, Respektlosigkeit oder gar Dominanz. Den Satz "der Hund kennt seine Stellung im Rudel nicht" oder "er respektiert seinen Menschen nicht als Chef" hört man leider noch viel zu oft. Die Rudel-Dominanz Theorie bei Haushunden wurde vor vielen Jahren als Ungültig erklärt, da die Herausgeber eben dieser sich eingestehen mussten, dass Falschinterpretationen getätigt wurden. Kurz googeln und man weiss Bescheid. Und zudem, sind wir nun Freunde oder Chef und Untertan?

Kurz mal ein Quervergleich bei unseren liebsten Haustieren. Katze vs. Hund

Wie oft hat ein Katzenbesitzer sein Büsi körperlich beschädig, weil es etwas tat, was der Mensch nicht wollte? Unterstellt man einem Büsi, dass es seinen Menschen nicht respektiert, wenn es auf dem Sofa liegt? Katzen tun was sie wollen und wir Menschen leben wunderbar damit. Und beim Hund? Fühlen wir uns denn in unserem Sein so angegriffen, wenn unser "bester Freund" einmal seine Idee besser findet als unsere?

Wenn man Menschen mit ihren Hunden beim Spazieren beobachtet, sehen oft beide Gesichter eher lustlos, gelangweilt oder genervt aus. Der Mensch möchte sich beeilen, er will die ganze Runde gehen und der Terminplan ist eng. Der Hund möchte schnüffeln, markieren, Spuren analysieren, will aber den Anschluss zu seinem Menschen nicht verlieren, also muss auch er sich beeilen. Genuss sieht anders aus. Aber eigentlich wäre doch der Spaziergang die Quality-Time für beide...

Stellen wir uns kurz die folgende Situation vor: Ein guter Freund lädt mich zu einem Stadtbummel ein. Gemeinsam den Nachmittag verbringen und die Zeit geniessen. So der Plan. In der Stadt angekommen, laufen wir gemeinsam an den bunten Schaufenstern vorbei und eines davon interessiert mich sehr. Also bleibe ich stehen und bewundere den Inhalt, und lasse dies auf mich wirken. Mein Begleiter aber läuft desinteressiert weiter und als er an mir vorbei ist, zerrt er an meinem Arm und schleift mich mit. Frustrierend. Aber da kommt bereits ein neues Schaufenster, dass mich anlacht. Erneut bleibe ich stehen, erneut werde ich weitergezogen. Irgendwann scheint es meinem Begleiter zu doof zu sein und er lässt mich einfach stehen und läuft allein weiter. In der Menge drohe ich ihn zu verlieren, das möchte ich aber um jeden Preis verhindern, schliesslich ist er ja mein Freund. Also beeile ich mich bei jedem noch so interessanten Schaufenster, nicht zu lange zu schauen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Jetzt frage ich, wie geht es mir nach diesem gemeinsamen Nachmittag mit meinem guten Freund? War das entspannende Quality-time? Die Antwort dürfte klar sein…

Wenn wir uns einmal, ganz kurz, von unserem hohen Ross herunterbegeben und mit allen Sinnen in die Welt der Hunde eintauchen und die Zeit mit ihnen geniessen, werden wir merken wie viel Spass das auch uns machen kann. Einen Spaziergang nach den Wünschen unseres Hundes ist ein Geschenk. Wir müssen nur Hinsehen. Nur allein mit Ihrem Geruchssinn sind sie uns weitaus überlegen und erschnüffeln und zeigen uns viele spannende Dinge, an denen wir vorbei gegangen wären. Und es kostet uns lediglich Zeit, Geduld und Interesse. Aber eben echtes, ernstgemeintes Interesse und nicht gespieltes.

Hunde, die ihr Leben mitbestimmen dürfen und wissen, dass sie eine eigene Meinung und eigene Stimme haben dürfen, zeigen uns immer mehr von ihrem wahren Charakter. Und dies sollte doch unser Streben sein. Denn was gibt es schöneres, als seinen besten Freund wahrhaftig kennen zu lernen? Zu sehen, was ihn interessiert, was ihn gruselt oder empört? Und das Schöne an diesem Zusammenleben mit Hunden ist, dass sie sehr schnell begreifen und uns so jeden Tag aufs Neue ein bisschen mehr von ihrer Welt zeigen.

Denn was ist ein bester Freund, den wir gar nicht kennen? Und die schönste Antwort auf die am Anfang gestellte Frage ist doch: Weil mein Hund und ich die besten Freunde sind, und zwar auf Augenhöhe.

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